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Livekritik zu

Julia - Dokumentarfilm

24.10.2013 - 26.10.2013 | Berlin / Moviemento Kino Berlin
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Jamal Tuschick
am 15.01.2015

Auf der Straße muss man immer damit rechnen, beschädigt zu werden

In ihren besten Momenten ist sie von bestechender Klarheit und Härte. Fast immer besteht sie darauf, ihr Leben gewählt und Alternativen gehabt zu haben. Selten stellt sie ihre Disposition als Belastung dem Betrachter in Aussicht. Nur einmal bietet sie eine deterministische Deutung ihres Lebenslaufs an. Da sagt sie: „Gott hat bei meiner Geburt nicht aufgepasst.“

Zehn Jahre beobachtete die Film- und Fotoschaffende JJackie Baier den Eskapismus ihrer Freundin Julia. Die beiden lernten sich in einer Wilmersdorfer Bar kennen. Jackie verdiente nach ihrer Transition Geld „mit Sexarbeit”. Sie fotografierte Kolleginnen, „zwischen Julia und der Kamera gab es ein besonderes Verhältnis”. Julia platzt in den gedimmten Stimmungen des Bordellbetriebs der Kragen, sie hat das Nachtasyl im Blut.

Julia verkündet: “Auf der Straße muss ich keine Erklärungen abgeben, das ist das Wichtigste.”

Sie schafft auf der Bülowstraße an.

„Auf der Straße muss man immer damit rechnen, beschädigt zu werden.“

Blessuren beglaubigen die Risiken, Julias Erklärungen ergeben eine Farce der Freiwilligkeit. Julie kursiert im nächtlichen Berlin, vorübergehend arbeitet sie in einem Pornokino. Nun stellt sie fest: „Die schönen Jahre sind vorbei.“

Sie setzt sich einen Schuss auf der Toilette, ich denke, das ist ein Klischee zu viel. Aber Julia ist meine Ästhetik egal. Sie taumelt durch Stadien der Polytoxikomanie. „Eine Woche ohne Komaabsturz“ findet sie bemerkenswert. „Was für andere Leute der Sonntagsbraten, ist für mich die Glukoseinfusion im Krankenhaus.“

„Ich bin nicht mehr zu retten“, sagt Julia. Jetzt sind ihre Verehrer nicht einmal mehr für ein Päckchen Zigaretten gut. Jetzt ist Julia soweit, dass sie sich für die Stummel auf der Straße interessiert. Selbst die sind rar in unseren harten Zeiten. Julia lebt mit Duldungsstatus bei einem alten Junggesellen. Die Konstellation könnte kaum bizarrer sein. Der Hausherr verzichtet darauf, sich etwas vorzumachen. Einmal nennt er Julia „eine ziemlich intelligente Bestie“. Die Untermieterin aquarelliert am Küchentisch. Sie hat ein Kunststudium absolviert und galt als hochbegabt.

Ständig droht ihr ein Rauswurf. Julia „liebt Scheußlichkeiten an den Füßen“, in einem Schuhgeschäft mischt sie die Verkäuferin auf. Sie trifft einen „Freund“, der sie einst für fünfzig Euro weiterreichte. Was sie ihm vorwirft: dass er nicht mehr verlangte.

Julia wurde als Jaroslavas im litauischen Klaipeda geboren. Dahin geht die Reise im Film, der „Freund“ fährt mit. Expressiv präsentiert Julia sich ehemaligen Nachbarn, deren Verständnislosigkeit wie Straßengeräusche verhallen. Julia besucht ihre Kunstschule und den Hafen, in dem sie sich unter Anleitung einer zahnlosen Zuhälterin zum ersten Mal verkaufte. Am Grab ihres Großvaters nähert sie sich einem Nervenzusammenbruch. Selbsthass bricht durch die Fassade. Ein Moment der Wahrheit.

 

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