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Livekritik zu

Inés Burdow liest Helga M. Novak „Im Schwanenhals“

15.01.2015 | Berlin [ Mitte ] / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz / Roter Salon
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Jamal Tuschick
am 21.01.2015
Sturzgeburt auf dem Alexanderplatz
„Die Sonne scheint in der Nacht” - Inés Burdow verlegt den Roten Salon der Berliner Volksbühne in einen Polarkreis
 
Überall schreibt sie ihren Namen hin und ritzt ihn ein. Gedichte entstehen auch „auf der stumpfen Seite” einer Marmorplatte. „Nach einer Razzia“ im Kinderzimmer brennt der lyrische Mehrwert des frühen Unglücks im Fegefeuer der „eisheiligen“ Adoptivmutter. Zu den „gestrengen Herren“ gesellt sich die „kalte Sophie“ an jedem 15. Mai. Helga M. Novak (1935 – 2013) identifiziert ihre Adoptivmutter mit dem Kältephänomen. Das Mädchen flieht erst auf ein Internat und dann nach Island. Da arbeitet sie „im Fisch”.  
 
„Ich stehe fortwährend da, wo die nächste Dachlawine runtersaust.” Inés Burdow zitiert das moribunde Erstaunen im Roten Salon der Berliner Volksbühne – an einem Abend zu Ehren der Dichterin. „Die mit den weichen Augen, die mit dem derben Maul“ – Novak stößt sich, wo sie steht und geht. Burdow liest aus den Bänden der Autobiografie „Die Eisheiligen“, „Vogel federlos“ und „Im Schwanenhals“. Novak las ungern vor, ein (überwundener?) Sprachfehler störte sie. In Einspielungen auf dem Atoll, das im Bühnenlicht entsteht, hört man davon nichts.
„Es müsste möglich sein, Schriftstellerin zu sein, ohne sprechen zu können.” Nichts passt, alles klemmt im „Schwanenhals“. Der Schwanenhals ist eine Schlagfalle für die Jagd von Fuchs und Dachs. Im Fall der sozialistisch glühenden Journalistik-Studentin Novak schnappt die Falle mit ihrem Namenszug unter einer Verpflichtungserklärung gegenüber der Staatssicherheit zu.
Novak fehlen Voraussetzungen zur Sesshaftigkeit, ab 1961 nomadisiert sie in Europa: „Wo ich bin, bin ich immer nur zu Besuch.” Endlich will sie wieder in der DDR leben. So wird Novak 1966 zur ersten ausgebürgerten Schriftstellerin. Später schreibt sie: „Ich bin ostdeutsch, das zumindest”. In seinem Nachruf rückt Gert Lohschütz Novak neben Peter Huchel in die Havellandschaft ihrer gemeinsamen Herkunft. „Einen Klumpen Hoffnungen ziehe ich hinter mir her.” Vielleicht von daher.
 
Burdow überliefert eine Einschätzung von Jürgen Fuchs: „Helga will nicht, dass die Lüge gewinnt.” Doch was muss nicht alles mit „einer Lüge erkauft” werden. Die Schauspielerin trägt ein schwarzes Kostüm und Stiefel bis zu den Knien, ihr Vortrag vermummt die Dichterin und setzt sie auf eine Nebelbank: „Der nördliche Polarkreis überquert den Mittagstisch des Pfarrers.”
Island in den Sechzigern, der Tod schiebt Akkordschichten. „Die Heringe fließen in einer Rinne” durch Klingen. In der Manier eines Mobs lebenswütig und aufgestachelt zusammengelaufene Frauen schlachten den Fisch wie im Rausch ab. Novak salbt die Ernte mit Salz, in Szenen wie von Sergei Eisenstein. Die Nächte sind taghell. Ein Mundschenk flößt Schnaps ein. Der Schnaps heißt „Schwarzer Tod”. Die Abläufe geben solange keiner Unterbrechung Raum, „bis die Kutter andere Gründe aufreißen”.
Die Fische sind Giganten ihrer Art, hochschwanger kehrt Novak 1965 in die DDR zurück. Auf dem Alexanderplatz ereignet sich eine Sturzgeburt. Ein Sohn fällt in die Welt, seine Mutter verpflichtet den Platz als Patron. Kein Jahr später erkennt man Novak die Staatsbürgerschaft ab, nachdem man ihr bereits den Flugschein verweigert hat – wegen „Suizidgefahr in der Konsequenz einer Todessehnsucht”. Fliegen kann sie trotzdem.
 
Helga M. Novak: „Im Schwanenhals“. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013. 352 S., geb., 22,60 €.
 

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