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Livekritik zu

Fidelio

30.09.2012 - 30.10.2012 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 06.02.2019

Im Kletterparcour

Beethovens (?) „Fidelio“ an der Bayerischen Staatsoper

 

2010 hatte Calixto Bietos Inszenierung von Ludwig van Beethovens Oper Fidelio Premiere an der Bayerischen Staatsoper. Die Produktion stieß auf wenig Gegenliebe – und sie ist, das muss man leider sagen, im Laufe der Zeit keinesfalls überzeugender geworden.

Von Beethovens „Fidelio“ sollte man in diesem Zusammenhang wohl besser auch nicht sprechen. Da Herr Bieto die Dialoge gestrichen und durch Textpassagen ersetzt hat, die Tiefe mehr vorgaukeln als wirklich einlösen (Jorge Luis Borges und Cormac Mac Carthy), sind die musikalischen Nummern ihres szenischen Kontexts völlig beraut. Wer die Handlung nicht kennt, hat keine Möglichkeit, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Und schlimmer noch: Der Abend hat keine dramaturgische Stringenz auch darum auch keinen Spannungsbogen. Musikstück reiht sich beliebig an Musikstück. Die Bühne von Rebecca Ringst bildet ein Labyrinth, das anfangs steht und später in einem langatmigen Akt gekippt wird. Darin klettern die Sänger herum. Ihre akrobatischen Leistungen und dass sie den ganzen Abend lang nicht abstürzen, ist bewundernwert. Personenführung kommt bei diesen sportlichen Verrenkungen indes nicht zu Stande.

Gegen ein solch szenischen Ungetüm wie diese Inszenierung hat es jede Besetzung schwer. Auch die beste kann die Mängel dieser Produktion nicht wettmachen. Große Namen standen in der Bayerischen Staatsoper bei dieser Wiederaufnahme fürwahr auf der Bühne – nominell wird man derzeit kaum eine exquisitere Sängerriege für diese Oper finden. Wolfgang Koch hatte allerdings nicht den besten Abend und blieb der Partie des Don Pizarro die nötige Schwärze und Durchschlagskraft schuldig. Günther Groissböck gab mit sonorem Bass einen stimmlich präsenten Rocco, und Hanna-Elisabeth Müller war mit ihrem klar geführten und farbenreichen Sopran eine hervorragende Marzelline. Anja Kampes Leonore ist wohl etwas Geschmackssache. Einerseits gestaltet sie diese überaus heikle Partie bewundernswert detailreich, doch andererseits vermisst man in ihrer großen Arie so etwas wie Exaltation, zudem neigt die Stimme gelegentlich zu Schärfen. Der Publikumsliebling Jonas Kaufmann überzeugte mit seiner Darstellung; er spielte Florestan als einen an Leib und Seele gebrochenen Menschen. Beeindruckend auch, wie er in seiner Arie „Gott, welch Dunkel hier“ den ersten Ton im Piano ansetzen und dann bis zum Forte anschwellen lassen kann. Jedoch wirkt diese Passage eher wie ein bewusst gesetzter Effekt und weniger wie eine sich zwingend aus der Situation ergebende Äußerung.

Besonders gespannt durfte das Münchner Publikum darauf sein, wie Kirill Petrenko Beethovens Oper auffassen würde. Im vergangenen August hat er mit den Berliner Philharmonikern immerhin schon dessen 7. Sinfonie aufgeführt und Beethoven-Erfahrung gesammelt. Sein „Fidelio“ indes konnte mich nicht überzeugen. Bei aller Bewunderung für die Präzision, mit der das Bayerische Staatsorchester agierte, und bei allem Erstaunen über zuvor kaum je gehörte Details: Mitreißend ist diese im Klang sehr helle und zu extremen Tempi neigende Interpretation nicht. So wirkt die Ouvertüre zunächst völlig zerdehnt – um dann, allzu erwartbar, als Maximalkontrast in eine regelrechte Raserei zu verfallen. Auch das Finale wirkt überaus gehetzt und darum beinahe hysterisch. Unterlaufen ist dies Petrenko natürlich nicht. Es ist eine bewusste Interpretation, die man für richtig halten kann, wenn man annimmt, Beethoven habe, um das Utopische des Schlusses zu markieren, die Musik absichtlich ins Krampfhafte kippen lassen. Ob das mit einer so großen Geste betont werden muss wie bei Petrenko, bleibt dahingestellt. Noch wirkt dieser „Fidelio“ allzu angestrengt und gewollt. Eine klangliche Oase inmitten all dieser interpretatorischen Überschärfe bildete der sinnig musizierte Ausschnitt aus dem Adagio des Streichquartetts Op. 132, der vor dem 2. Finale von Mitgliedern des Staatsorchesters gespielt wurde.

München, 31. Januar 2019

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