Overlay
Livekritik zu

Otello

06.04.2013 - 16.07.2013 | München / Nationaltheater München
« zurück zur Veranstaltungsseite
cgohlke
am 04.12.2018

Aschgrau, Steingrau, Staubgrau

Amélie Niermeyers „Otello“ an der Bayerischen Staatsoper

Lange war der Rummel vor einer Premiere im Münchner Nationaltheater nicht mehr so groß wie jetzt. Mit Jonas Kaufmann, Anja Harteros, Gerald Finley und Kirill Petrenko stehen wirklich Namen auf dem Besetzungszettel, die Weltklasse versprechen, und so ist es kein Wunder, dass die teuren Karten heiß begehrt sind.

Aber wie so oft, wenn die Erwartungen enorm sind, war auch hier das Resultat ein wenig enttäuschend. Das lag nicht zuletzt an Jonas Kaufmann in der Titelpartie, die er zwar beachtlich, aber keineswegs glanzvoll meistert. Man merkt, wie fordernd die Rolle des Otello ist. Kaufmann ist zu ständigem Forcieren gezwungen, was natürlich seine Möglichkeiten einer differenzierten Rollengestaltung einschränkt Kaufmanns Otello fehlt es an stimmlicher Autorität – und wohl darum auch an darstellerischer Präsenz. Aber auch Anja Herteros war als Desdemona an seiner Seite nicht durchweg überzeugend. Ihr gelegentlich etwas belegt klingender Sopran neigte in dieser Rolle zu Schärfen und zu einem mitunter flackernden Vibrato. So war es Gerald Finley in der Rolle des Jago, der an diesem Abend seinen Part am souveränsten sang, obwohl seine eher helle, geschmeidige Stimme vielleicht ein wenig die Schwärze für diesen Part vermissen lässt. Trotzdem gelangte er zu einem eindringlichen Portrait des Bösewichts.

Amélie Niermeyer, die Regisseurin, erzählt „Otello“ als intimes Ehedrama und geht bei ihrer Deutung der Beziehung zwischen Otello und Desdemona von einem Satz aus, den beide einander zusingen: „Und ich liebte dich um deiner Leiden willen, und du liebtest mich um meiner Barmherzigkeit willen.“ Desdemona hat Mitleid mit dem traumatisierten Kriegsheimkehrer Otello, der Nähe und Zärtlichkeit nicht zulassen kann, und Otello liebt Desdemona eben um ihres Mitleides willen. Ein Konstrukt, das anfällig ist für Störungen und Jagos Einflüsterungen kaum standhalten kann. Der Ansatz erscheint schlüssig, - wird aber nicht interessanter, indem die Geschichte in eine diffuse Gegenwart verlegt wird. Christian Schmidts Bühnenbild (wieder einmal eine Art von Altbauwohnung mit hohen Zimmern und Parkett) ist derart unspezifisch, dass „Hänsel und Gretel“ darin genauso gut (oder schlecht) spielen könnte wie „Parsifal“. Die ewigen Grautöne, in denen der Abend geradezu schwelgt (es wirkt, als habe das Team der Ausstatter Loriots Katalog dieser Farbe durchexerziert und von Aschgrau über Mausgrau und Steingrau bis hin zu Zementgrau keine Nuance ausgelassen), dieses Farbenspiel wirkt auf Dauer doch ein wenig ermüdend, zumal die unschönen Alltags-Kostüme von Annelies Vanlaere sich nur allzu gut ins Bild fügen.

Was diesen Opernabend aber dennoch zur Sensation machte, war das Dirigat von Kirill Petrenko: hoch dynamisch, berstend von Energie und dennoch differenziert, farbenreich und flexibel, kurzum – eine meisterhafte Leistung, die in Erinnerung bleiben wird.

München, am 2. Dezember 2018

Besucherfazit

Graue Regie, blitzendes Dirigat

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
1 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Zuletzt aktive Livekritiker

  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Eckhard Kutzer
  • Iris Gutheil
  • Sarah Divkovic
  • nikolausstein
  • Stephanie Speckmann
  • ENSEMBLE RUHR
  • A.-K. Iwersen
  • Annette Finkl
  • MartinDoeringer
  • cgohlke
  • Frank Varoquier
  • Aberabends
  • Kyritz
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Dresdner Kabarett Breschke und Schuch
  • Luisa Mertens
  • Marylennyfee Schmidt
  • Monique Siegert
  • theatermail nrw
  • Erzählung

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!